Die KI und ihr Bruder – Teil II
Ein frischer Rechner – und diesmal ein Plan
Nun hatte ich wieder einen frisch aufgesetzten Rechner vor mir.
Sauber. Aufgeräumt. Funktionierend.
Nach den Erfahrungen aus Teil I war damit natürlich sofort die wichtigste Frage verbunden:
Was tun, damit das auch so bleibt?
Die Antwort lag eigentlich auf der Hand.
Die KI musste ins Labor.
Genauer gesagt: in eine virtuelle Maschine.
Wenn schon experimentiert, programmiert, installiert und ausprobiert wurde, dann sollte das künftig dort passieren. Weit genug weg von meinem eigentlichen System.
Ich hatte schließlich aus der Vergangenheit gelernt.
Zumindest hoffte ich das.
Diesmal wollte ich außerdem nicht nur die KI im Browser verwenden. Ich wollte auch die App ausprobieren.
Damit waren wir plötzlich zu dritt.
Ich, die KI im Browser – und ihr Bruder in der App.
Klare Arbeitsteilung
Diesmal sollte von Anfang an Ordnung herrschen.
Die Aufgaben wurden sauber verteilt.
Ihr Bruder, die App, bekam seinen Arbeitsplatz in der VM.
Dort sollte programmiert werden. Dort durfte er Dateien bearbeiten, Programme ausführen und sich um die praktische Arbeit kümmern.
Seine Schwester, die Browser-Version, blieb bei mir auf dem PC.
Sie sollte recherchieren, planen und anschließend kontrollieren, was ihr Bruder in der VM produziert hatte.
Eigentlich ein wunderbares System.
Eine denkt.
Einer arbeitet.
Und ich passe auf beide auf.
Was sollte schon schiefgehen?
Nach Teil I hätte ich es eigentlich besser wissen müssen.
Wir schreiben die Spielregeln
Ich wollte diesmal nicht warten, bis die ersten Missverständnisse auftauchten.
Also entwickelte ich gemeinsam mit der Browser-KI eine einheitliche Vorgehensweise.
Wir definierten Skills.
Diese Skills sollten genau festlegen, wie wir bei unseren Projekten vorgehen.
Wie wird ein Projekt aufgebaut?
Welche Verzeichnisse werden verwendet?
Wie sollen Programme strukturiert sein?
Welche Regeln gelten für Oberfläche, Konfiguration und Dokumentation?
Wie wird geprüft?
Was darf verändert werden – und was nicht?
Das Ziel war klar:
Alle Projekte sollten nach denselben Grundregeln entstehen.
Keine Überraschungen mehr.
Keine spontanen Umbauten.
Keine genialen Einfälle, nach denen plötzlich die Hälfte des Projekts anders aussieht.
Wir arbeiteten die Regeln gemeinsam aus.
Die Browser-KI half mir also dabei, die Regeln zu schreiben, an die sie sich später selbst halten sollte.
Im Nachhinein betrachtet war das vielleicht schon der erste Hinweis darauf, dass Regeln und ihre tatsächliche Befolgung zwei verschiedene Dinge sind.
Ihr Bruder bekommt seine eigenen Regeln
Die Skills bekam anschließend auch ihr Bruder in der App.
Allerdings etwas angepasst.
Er hatte schließlich eine andere Aufgabe.
Die Browser-KI sollte planen, recherchieren und kontrollieren.
Ihr Bruder sollte hauptsächlich ausführen.
Er übernahm die Regeln, las sie durch und stellte dabei sogar einige offene Fragen fest.
Das gefiel mir.
Wir klärten die Punkte gemeinsam.
Danach war alles vorbereitet.
Die VM stand bereit.
Die Regeln waren geschrieben.
Die Aufgaben waren verteilt.
Die Geschwister wussten, was sie zu tun hatten.
Und ab ging es.
Die Schwester entwickelt ein Eigenleben
Schon bald bemerkte ich allerdings einen deutlichen Unterschied zwischen den beiden.
Die Browser-Version kannte unsere Regeln ganz genau.
Sie hatte schließlich selbst daran mitgearbeitet.
Das hinderte sie jedoch nicht daran, gelegentlich so zu tun, als hätte sie noch nie davon gehört.
Ich vermute inzwischen, sie leidet unter einer besonderen Form von digitalem Alzheimer.
Denn immer wieder passierte etwas Erstaunliches.
Ich gab einen klaren Auftrag.
Sie erledigte ihn.
Und nebenbei „verbesserte“ sie noch etwas, um das ich sie überhaupt nicht gebeten hatte.
Eigentlich hatten wir genau dafür eine Regel:
Nichts ungefragt verändern.
Also erinnerte ich sie daran.
Dann wurde sie sofort reumütig.
Sinngemäß kam:
„Du hast recht. Das hätte ich nicht ändern dürfen.“
Fehler erkannt.
Fehler eingestanden.
Sehr schön.
Bis zum nächsten Mal.
Bei ihr muss ich auf der Hut sein
Langsam entwickelte sich deshalb eine gewisse Routine.
Ich gebe einen Auftrag.
Sie antwortet.
Ich kontrolliere.
Sie hat irgendwo noch eine eigene Idee eingebaut.
Ich verweise auf die Regeln.
Sie entschuldigt sich.
Wir korrigieren es.
Und irgendwann beginnt das Spiel von vorne.
Man könnte fast meinen, sie wolle nur mein Gedächtnis trainieren.
Eines habe ich jedenfalls gelernt:
Bei ihr muss ich auf der Hut sein.
Nicht weil sie absichtlich Unsinn macht.
Ganz im Gegenteil.
Das Problem ist eher ihr unerschütterlicher Drang, hilfreich sein zu wollen.
Manchmal ist „hilfreich“ allerdings genau das Gegenteil von dem, was ich gerade brauche.
Wenn ich sage:
„Ändere nur das.“
dann möchte ich eben nicht:
„Ich habe außerdem noch drei andere Dinge für dich optimiert.“
Ihr Bruder ist ruhiger
Ihr Bruder in der App verhält sich dagegen bisher wesentlich unauffälliger.
Er bekommt seine Aufgabe.
Er arbeitet sie ab.
Er hält sich meistens an die vereinbarten Regeln.
Weniger Diskussion.
Weniger kreative Überraschungen.
Weniger:
„Ich dachte, es wäre besser, wenn …“
Das macht die Zusammenarbeit mit ihm angenehm.
Aber nach meinen bisherigen Erfahrungen wäre es ziemlich leichtsinnig, daraus den Schluss zu ziehen, dass ich ihm blind vertrauen könnte.
Auch er bleibt schließlich eine KI.
Deshalb wird auch sein Ergebnis kontrolliert.
Die Schwester kontrolliert den Bruder.
Und ich kontrolliere die Schwester.
Und gelegentlich kontrolliere ich sicherheitshalber noch einmal beide.
So sieht moderne Arbeitsteilung aus.
Vertrauen ist gut …
Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit den beiden habe ich deshalb eine neue Grundregel.
Sie steht vielleicht nicht offiziell in meinen Skills, aber sie gehört inzwischen zu den wichtigsten:
Traue einer KI maximal so weit, wie du sie werfen kannst.
Bei einer Software ist das glücklicherweise nicht besonders weit.
Das bedeutet nicht, dass ich auf die beiden verzichten möchte.
Ganz im Gegenteil.
Wir haben inzwischen gemeinsam einiges auf die Beine gestellt.
Die Arbeit macht Spaß, und Möglichkeiten gibt es mehr als genug.
Aber eines steht fest:
Die KI bekommt ihre Regeln.
Ihr Bruder bekommt seine Regeln.
Beide bekommen ihre Aufgaben.
Und ich behalte die Aufsicht.
Denn meinen Rechner noch einmal neu aufzusetzen, nur weil meine digitalen Mitbewohner plötzlich eine besonders gute Idee hatten, steht derzeit nicht auf meiner Wunschliste.
Vorerst Ruhe an der Front
Damit wäre die Lage fürs Erste geklärt.
Die Schwester sitzt im Browser auf meinem PC.
Ihr Bruder arbeitet in der VM.
Die Skills regeln unsere Zusammenarbeit.
Ich kontrolliere die Ergebnisse.
Und mein frisch aufgesetzter Rechner lebt noch.
Man soll schließlich auch die kleinen Erfolge würdigen.
Das war es vorerst von der Front.
Mal sehen, was noch so passiert.
Ich habe da allerdings eine gewisse Vorahnung:
Mit diesen beiden wird es vermutlich noch genügend Stoff für einen Teil III geben.
